Was heißt: „Demokratie ist, wenn man voneinander lernt“?

Demokratie ist wie die Luft, die wir atmen: Erst wenn sie schlecht wird, reden wir darüber. Und wenn, dann darüber, dass sie früher auch schon mal besser war. Nach einer Umfrage des Pew Resarch Institut aus 2017 können sich mittlerweile 44 Prozent aller Deutschen vorstellen, vielleicht besser von Experten regiert zu werden. Sechs Prozent halten einen starken Mann und immerhin vier Prozent das Militär für gute Alternativen zur Volksherrschaft.

Demokratie als Lebensform des Lernens

Aber Demokratie ist so viel mehr als eine Staats- oder Regierungsform mit freien Wahlen, Mehrheitsprinzip und Minderheitenschutz! Demokratie ist auch eine Lebensform, also eine bestimmte Art und Weise des Zusammenlebens. Sie drückt sich zum Beispiel aus in unserem Selbstverständnis, dass reden hilft. In unseren Erwartungen an andere, dass sie uns mit Respekt behandeln. Unserem Ärger über Leute, die rücksichtslos was durchdrücken. Oder unserer Kultur, die Regierenden kritisch zu begleiten – mit kritischen Journalisten und Leserbriefen, Oppositionsparteien und dem Wunsch, das Denken nicht zu oft an Andere zu delegieren. Als Lebensform prägt die Demokratie unsere alltäglichen Erfahrungen.

Im Stadtgespräch über die lernende Demokratie wollen wir uns bewusst machen, was im Alltag der Demokratie „selbstverständlich“ ist – also auch unser Verständnis von unserer Rolle betrifft. Und zwar wollen wir besonders die These prüfen: Dass Demokratie vielleicht dann gut und weiterführend verstanden ist, wenn wir sie als Lernprozess verstehen. Sozusagen als eine Schule, in der wir alle sind, ohne das eigentlich zu merken.

Benjamin Barber und John Dewey: Demokratisches Wissen für intelligente Lösungen

Es gibt zum Beispiel einige Wissenschaftler (hier als pdf oder hier oder hier oder einer der ersten wichtigen Artikel hier), die schon lange sagen, dass Demokratie eine bestimmte Form von Wissen schafft, die wir ohne Demokratie gar nicht hätten – also auch Experten oder Diktatoren gar nicht haben können. Das in den Verfahren der Demokratie entstehende Wissen nannte der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber 1984 in seinem Buch „Starke Demokratie“ „politisches Wissen“. Es ist ein vorläufiges, angewandtes, praktisches, provisorisches, flexibles, schöpferisches, auf Konsens gerichtetes Wissen, so Barber in seinem Entwurf einer politischen Erkenntnistheorie.

Demokratie könnte dann „genau die Lebensform (sein), welche eine intelligente Lösung von Problemen kollektiven Handelns ermöglicht“ (so fasst Mähr 2014 ein Argument von Putnam 1989 über Dewey zusammen). Das heißt: Demokratie versteht und löst besonders gut die Probleme, die wir gemeinsam haben. Und zwar, weil demokratische Verfahren sich um die Aufklärung, Bewertung, kreative Lösungssuche, Entscheidung und Umsetzung von Problemen und ihren Lösungen kümmen.

Lernfähige Demokratie: „Der stete Reparaturbetrieb“

Das heißt dann auch: Demokratie ist lernfähig. Demokraten können aus Fehlern lernen und es bei nächsten Mal vielleicht nicht fehlerfrei, aber besser machen. Demokratien können sich korrigieren. Das demokratische System ist ein Lernsystem: „Es lernt durch Versuch, Irrtum und Revision“ (Hondrich 2005).

Das findet auch der Schweizer Denker und Wahl-Potsdamer Heinz Kleger (mein Doktorvater) : „Positiv ist die Demokratie der Bürger durch Lernfähigkeit gekennzeichnet. (…) Dadurch, dass die politischen Streitfälle immer wieder auf die Traktandenliste kommen, werden Politisierungs- und Demokratisierungsprozesse angestoßen“ (Kleger 2010: 272). In diesem Sinne kann real existierende Demokratie durchaus als „ein Tag und Nacht geöffneter Selbstreparaturbetrieb“ verstanden werden (Bommarius 2011). Demokratisch Handelnde in einer offenen Gesellschaft wären, nach einem Wort Karl Poppers über Politiker, also „Stückwerkingenieure“, ohne dass man dabei die technokratische Konnotation übernehmen muss (Kleger 2010: 271).

Wenn die Demokratie sich tatsächlich als lernfähig erweist – und das wollen wir gerne mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, an Beispielen diskutieren -, dann wäre das doch eine Ermutigung für unsere Republik. Denn dann können sich Demokratien vielleicht aus dem Sumpf ungelöster Probleme und Herausforderungen freitreten. In der Demokratie jedenfalls kann man Politik ändern, ohne das System zu verändern. Um die Regierung zu wechseln, müssen wir nicht gleich das ganze Regime oder den ganzen Staat wechseln. Demokratien sind deshalb lernfähiger als Autokratien (Schmidt 2000: 507), und ihre Weiterentwicklung ist ein reflexiver Transformationsprozess: „Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Demokratisierung von Demokratie lassen sich auf dem Wege intelligenter Selbstreflexion weiter ausloten“ (Kleger 1999: 184). Für Kleger sind demokratisch organisierte Bürgergesellschaften deshalb „reale Utopien“: Die Bürgergesellschaft im Lernprozess sei sozusagen die einzige Gesellschaft, die besser sein könne, als sie ist.

Intelligente Selbstreflexion unseres demokratischen Alltags, um Entwicklungspotenziale einer lernenden Demokratie auszuloten: Herzlich willkommen in diesem Blog beim Stadtgespräch! 🙂

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